Die vier apokalyptischen Reiter der Paarbeziehung und Streit

Der amerikanische Paarforscher John M. Gottman, fand heraus, dass glückliche Paare, anstatt in schlechter Stimmung über Probleme zu reden, lieber bei guter Gestimmtheit nach Lösungen suchen. Sie vermeiden vor allem Vorwürfe, Rechtfertigungen, Geringschätzung oder Kommunikationsvermeidung. Gottmann beobachtete dazu an die 7000 Paare über Jahrzehnte in einem Ehelabor. Er stellte fest: 

 
“Es gibt bestimmte Formen von Negativität, die sich, wenn ihnen freier Lauf gelassen wird, auf eine Beziehung derart tödlich auswirken können, dass ich sie die ´vier apokalyptischen Reiter´ zu nennen pflege.“( J.M.Gottman: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe. 2008, S. 41/42) 


Die vier apokalyptischen Reiter stehen nach Gottman und seines Forschungspartners Levenson auch für die Kommunikationssünden, die eine Ehe bzw. intime Beziehung dauerhaft ruinieren und sich in vielfältiger Gestalt als prozesshaftes Geschehen zeigen und zur Trennung des Paares führen können:

Kritik/ Vorwurf: Dieser Reiter zielt nicht auf das Verhalten, sondern auf die Person und ihren Charakter und soll Schuld zuweisen und verurteilend wirken. Er gipfelt in einer generellen Verurteilung der Person des Partners.

Geringschätzung/ Verachtung: Hierzu zählen vor allem nonverbale Gesten und nonverbale Untertöne, wie Spott, Augenrollen, Auslachen, Hohn, abneigende Gesten, Grinsen, abschätziges Kopfschütteln und jeder mimische Ausdruck negativer Gedanken. Dieser Reiter drückt aus, dass es ungelöste Probleme gibt, die sich in Wut, Drohungen, Provokation und Streitsucht äußern.

Rechtfertigung: Hiermit versucht der eine Partner dem anderen die Schuld wieder zurückzuschieben und verleugnet dadurch die eigenen Anteile, die den Konflikt aufrechterhalten. Rechtfertigungen lassen einen Konflikt eskalieren, da dem anderen nachgewiesen werden soll, wie dumm und ungerechtfertigt die Kritik ist.

Rückzug/ Mauern: Dieser Reiter wehrt Verletzungen mit Kontaktabbruch ab.

Hier trägt der eine Partner Gleichgültigkeit zur Schau, indem er schweigt, das Zimmer verlässt, resigniert, Gesten des Zuhörens zurückhält oder wie eine reglose Wand wirkt. Dieser Reiter steht für das Desinteresse an Beziehungsthemen oder guten Lösungen.
 

Hinweis 

Ich möchte hinzufügen, dass alle vier apokalyptischen Reiter nicht zwangsläufig der Motivation entspringen, den Partner zu verletzen, ihn aus egoistischen Gründen zu etwas zu bewegen oder ihm gegenüber gleichgültig zu sein. Sie dienen während einer emotionalen Extremsituation  

auch als letztes Schutzmittel: Angriff, Flucht oder Erstarrung. 

Daher darf jeder und jede, die oder der einen Apokalyptischen Reiter bei sich oder anderen entdeckt, Milde beim Urteil walten lassen.

 

Moderne Gehirnforschung

So wie wir die Welt sehen, was wir denken und wie es uns dabei geht, haben wir gelernt. Die moderne Hirnforschung hat in den letzten Jahren bahnbrechende Erkenntnisse darüber gewonnen, wie das Gedächtnis und dessen Verarbeitung funktioniert. Wir lernen bereits als Kleinkinder wie Beziehungen funktionieren, welches Verhalten uns zudem verhilft, was wir brauchen und welches nicht. In der Kleinkindzeit ist jedoch der Gehirnteil, der für das analytische Denken zuständig ist, noch nicht fertig ausgebildet. Das heißt, dass wir erlernte Beziehungskonzepte in einem unbewussteren Teil des Gehirns speichern. Wir hinterfragen dessen Inhalt nicht bewusst und halten ihn für "normal", bis wir mit anderen Menschen anecken. 

Erlebnisse, die momentan nicht verarbeitet werden können, werden bis auf Weiteres unzugänglich zum bewussten Gedächtnis gespeichert. Das können traumatische Ereignisse sein, die durchaus öfter vorgekommen sein können. Auch wenn sie nicht bewusst erinnert werden, können sie Gerüche, Körperempfindungen, Emotionen, die in ihrem Ausmaß mit der Situation nicht erklärbar sind (z.B. Angst, Wut oder Traurigkeit) oder innere Bilder hervor rufen. In einem solchen Fall ist "darüber zu reden" allein nicht hilfreich. Vielmehr möchte ich meinen Klienten Möglichkeiten und Methoden an die Hand geben, die jeweilige Wahrnehmung und Empfindung auszudrücken, soweit möglich einzuordnen und den persönlichen Frieden zu finden.